Gebrauchte Platte, I/O-Errors – und ein unschuldiges Dock


Gebrauchte Platte, I/O-Errors – und ein unschuldiges Dock

Mein erster Beitrag auf homelab-te.ch – und gleich eine Geschichte, die mir kein Forum der Welt hätte verraten können.

Ausgangslage

Für mein Homelab (Proxmox-Host) habe ich eine gebrauchte Seagate-Festplatte gekauft. Bevor sie in den Einsatz geht, wollte ich sie einmal komplett wipen – also ab in mein USB-Festplattendock (ICY BOX IB-1232CL-U3) und shred gestartet.

Das Drama beginnt

Nach einer Weile flutete das Terminal mit Fehlern:

shred: /dev/sdc: error writing at offset 245837824: Input/output error
shred: /dev/sdc: error writing at offset 245838336: Input/output error
shred: /dev/sdc: error writing at offset 245838848: Input/output error
...

Hunderte davon, an fortlaufenden Offsets. Erste Reaktion: Mist, die gebrauchte Platte ist defekt. Also SMART-Werte geprüft – und da wurde es seltsam:

  • Reallocated Sector Count: 0
  • Current Pending Sector Count: 0
  • Uncorrectable Sector Count: 0
  • Self-Test: bestanden
  • Assessment: Disk is OK

Eine Platte mit echten Medienfehlern hinterlässt Spuren in diesen Werten. Hier: nichts.

Die Fehlersuche

Ein Blick ins Kernel-Log brachte die nächste Erkenntnis:

sd 2:0:0:0: [sdb] tag#15 device offline or changed
Buffer I/O error on dev sdb, logical block 0, async page read
sdb: unable to read partition table

Kein einziger medium error – die Platte war schlicht vom Bus gefallen. Nach dem Reconnect bekam sie einen neuen Device-Namen (aus sdc wurde sdb), und zeitweise meldete sich sogar nur noch die USB-Bridge des Docks, ohne die Platte dahinter: lsblk zeigte als Modell «IB-1232CL-U3» und als Seriennummer nur Nullen.

Alles deutete auf das Dock oder dessen Netzteil. Die Theorie: Die Bridge oder das Netzteil steigt unter Dauerlast aus. Klingt plausibel – solche Docks sind dafür berüchtigt.

Also der Gegentest: Eine andere (sogar grössere) Festplatte von Toshiba ins gleiche Dock, gleicher Bay, gleiches Kabel. Ergebnis: läuft stundenlang absolut stabil.

Damit war die Logik eigentlich klar:

VerdächtigerStatus
NetzteilEntlastet – andere Platte läuft
Dock-Bridge / BayEntlastet – andere Platte läuft
USB-Kabel/PortEntlastet – gleiche Verbindung
Seagate-PlatteHauptverdächtiger

Ich hatte die Reklamations-Mail an den Verkäufer schon fertig formuliert. Elektronikdefekt der Platte, reproduzierbare Abbrüche, Gegenbeweis mit anderer Platte – wasserdicht. Dachte ich.

Die Auflösung

Die Ursache war: das DC-Stromkabel des Docks.

Es lag – ordentlich, wie sich das gehört – zusammen mit anderen Kabeln in einem Klettkabelbinder. Genau das war das Problem: Die eng gebündelten Nachbarkabel streuen Störungen in die ungeschirmte 12-V-Leitung des Steckernetzteils ein. Kabel aus dem Bündel genommen, separat verlegt – und die Seagate läuft einwandfrei.

Der Clou dabei: Das Problem betrifft nur die Seagate, nicht die Toshiba. Seagate-Elektronik reagiert offenbar deutlich empfindlicher auf Ripple und Störungen auf der Versorgungsleitung und geht dann in einen Schutz-Reset – die Toshiba steckt dieselbe «schmutzige» Versorgung einfach weg.

Und genau deshalb hat mein sauberer Gegentest in die falsche Richtung gezeigt. «Andere Platte läuft am identischen Setup» ist normalerweise ein wasserdichtes Argument gegen das Setup. Ausser die Störung ist herstellerspezifisch.

Rückblickend erklärt das jedes einzelne Symptom:

  • I/O-Errors an fortlaufenden Offsets → die Platte resettet mitten im Schreiben, danach schlägt jeder Zugriff fehl
  • «device offline or changed» statt Medienfehler → Transportebene, nicht die Sektoren
  • SMART blitzsauber → die Platte ist in Ordnung
  • Bridge ohne Plattenidentität → die Platte hing nach dem Reset im Schutzzustand

Lessons Learned

  1. SMART-Werte ernst nehmen. Wenn Pending/Reallocated/Uncorrectable auf 0 stehen und im dmesg nur «device offline» statt «medium error» auftaucht, liegt der Fehler fast sicher nicht auf den Plattern.
  2. dmesg lesen, bevor man Hardware verurteilt. Der Unterschied zwischen critical medium error und device offline or changed entscheidet, ob man eine Platte reklamiert oder ein Kabel umsteckt.
  3. Gegentests können täuschen. «Funktioniert mit anderer Hardware» beweist nur etwas, wenn die andere Hardware gleich empfindlich ist.
  4. DC-Kabel von Steckernetzteilen nicht mit anderen Kabeln bündeln. So schön aufgeräumte Klettbinder auch aussehen – ungeschirmte Niedervolt-Leitungen gehören nicht ins dichte Bündel mit potenziellen Störquellen.
  5. Nicht zu früh reklamieren. Meine fertig formulierte Defekt-Mail wäre eine Falschanschuldigung gewesen. Zum Glück nie abgeschickt.

Fazit

Weder die Platte noch das Dock waren defekt. Der Fehler sass im Kabelmanagement – und war nur durch Zufall zu finden, weil keine systematische Diagnose der Welt auf «Klettbinder» gezeigt hätte. Solche Fälle spielen in derselben Liga wie die legendäre 500-Meilen-E-Mail: physikalisch völlig erklärbar, praktisch unauffindbar.

Willkommen auf homelab-te.ch – es wird nicht die letzte Geschichte dieser Art sein. 🙂

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